Kritik Fischer - Tramitz

Schwebende, sanfte Stimmen

Abschlusskonzert des diesjährigen Gartower Orgelsommers

bri Gartow. Johannes Weyrauch, einer der neuzeitlichen Komponisten des letzten Konzerts des Orgelsommers 2003 in Gartow, wäre über die Vielfältigkeit und Tiefe des Programms sehr erfreut gewesen. In seinem »Musikalischen Testament» schrieb er: Musik »ist nicht nur Klang, erzeugt nicht nur Gefühl oder Stimmung: In ihrer höchsten Vollendung und Form kann sie das ,Wort» - selbst das biblische Wort - überbieten und letzte Wahrheiten und Wirklichkeiten transparent werden lassen.

» So begann der Abend mit dem von ernster Freude getragenen Praeludium D-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach, bei dem sich perlende Tonfolgen mit kräftigen, Raum füllenden Akkorden abwechseln. Die wieder zahlreichen Besucher fanden damit schnell den Übergang von der Unruhe eines aktiven Tages zu einem Zustand der Besinnung, in dem man sich von Musik berühren lassen kann.

Das lyrische und melodiöse Thema mit Variationen D-Dur von Felix Mendelssohn-Bartholdy aus dem Jahr 1844 war dadurch gut vorbereitet. Mendelssohn-Bartholdy schätzte besonders die »sanften Stimmen» der Orgel. So verbreitet dieses Stück Wärme und Wehmut, die aber nicht drängend oder drückend, sondern ätherisch und fein wirken. Musik, die das Herz weitet. In dem Kyrie und Gloria aus der »Missa puerorum» von Joseph Rheinberger führte die kräftige und doch schwebende Stimme von Gartows Kantorin Dorothea Tramitz in Bereiche, die man eher der Seele und dem Gemüt zuordnet. Fast schon ein »comic relief», wie auch Shakespeare sie in seine Dramen einbaute, war danach das »Lobet den Herren» von Hans-Friedrich Micheelsen.

Mit fröhlichen, leicht verfremdeten Posaunenfanfaren, bei denen Kreiskantor Axel Fischer die einzelnen Töne sehr präzise setzte, wurde jede Strophe eingeleitet. Es folgte ein Vokalstück von Johannes Weyrauch »Lobet den Herren in seinem Heiligtum», bei dem der Text davon handelt, welche Instrumente des Lobes uns zur Verfügung stehen. Nach dem »Gebet» von Hugo Wolf, der auch in diesem kurzen Stück seine tief empfundene Musikalität unter Beweis stellt, wechselten sich Stücke von Rheinberger und Max Reger und instrumentale und vokale Stücke ab. Das Tempo wurde »moderato» und »andantino», die Kraft der Musik wuchs weiter an, um im 3. Satz der Sonate Nr. 4 von Rheinberger noch einmal über alles Menschliche hinaus anzuschwellen.

Nachdem das letzte Stück »Am Abend» von Max Reger verklungen war, herrschte längere Stille, bevor der wohl verdiente Beifall aufrauschte. Wohl verdient aus mehreren Gründen: Axel Fischer und Dorothea Tramitz zeigten eine überragende musikalische Leistung, sehr unterschiedliche Grundstimmungen wurden voll ausgespielt, jedem Stück und Komponisten wurden die beiden Musiker gerecht. Das Programm war so , dass noch einmal Neues zu hören und dass alle Bereiche menschlichen Empfindens berührt und durchdrungen wurden.