Landeskirche

Aktenstück Nr. 43 A Seite 3

Wort der 22. Landessynode der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

zur Nutzung der Kernenergie

1. Gorleben ist zu einem Symbol für die Auseinandersetzung über die Verantwortbarkeit der Nutzung von Kernenergie geworden. Die Kapellengemeinde Gorleben sowie die Kirchenkreise Lüchow und Dannenberg sind stark von der Auseinandersetzung betroffen. Die Landessynode stellt angesichts des Streites um das Zwischenlager in Gorleben und die Castor-Transporte dorthin mit Sorge fest, dass es den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft bisher nicht gelungen ist, den Konflikt um die Entsorgung radioaktiver Abfälle gemeinschaftsverträglich zu lösen.

Es gilt, den inneren Frieden in der Region um Gorleben wiederzugewinnen und zur Bewahrung der politischen Kultur beizutragen. Die Landessynode nimmt die zahlreichen Äußerungen und Erklärungen verschiedenster kirchlicher Gremien in den zurückliegenden Jahren auf und wendet sich sowohl an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft als auch an Kirchengemeinden, Kirchenkreise und kirchenleitende Organe.

In Fragen der zivilen Nutzung der Kernenergie und eines wirksamen Klimaschutzes hat sich in der evangelischen Kirche wie in der Gesellschaft ein Lernprozess vollzogen. Von der ersten Veröffentlichung des „Club of Rome“ Anfang der 70er Jahre über Informations- und Diskussionsveranstaltungen bis zu Studien und Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland hat sich ein neues Denken herausgebildet. Die Energieversorgung hat sich zu einer Schlüsselfrage der „ökologischen Krise“ entwickelt, weil viele Gefährdungen der modernen Gesellschaft durch einen unvernünftigen Umgang mit Energie hervorgerufen werden.

2. Gott hat die Menschen beauftragt, an Erhalt und Gestaltung der Schöpfung mitzuwirken. Dazu hilft ihnen auch die Technik. Dabei ist es für Christen ein Gebot der Ehrfurcht und der Liebe, der Schöpfung keine irreparablen Schäden zuzufügen. Den nachfolgenden Generationen muss eine Welt überlassen werden, die auch ihnen ein lebenswertes Dasein ermöglicht.

Das Menschenbild evangelischer Christen ist durch die biblische Botschaft und die christlichen Bekenntnisse geprägt. Menschen sind fehlbar. Sie überschreiten ihre Grenzen und wollen „Gott gleich sein“. Das nennt die Bibel Sünde. Aus dieser Glaubenseinsicht heraus fordern Christen die Entwicklung technischer Systeme, die mit technischem oder menschlichem Versagen ohne katastrophale Folgen für die Schöpfung fertig werden.

Menschliche Technik kann nie so perfekt sein, dass es kein Unglück gibt. Dann aber müssen die Folgen wenigstens begrenzbar sein. Tschernobyl hat gezeigt, dass es Folgen gibt, die nicht verantwortbar sind.

Allerdings gibt es unterschiedliche Einschätzungen über das Ausmaß der Risiken bzw. darüber, welche Risiken noch hingenommen werden können. Um so wichtiger ist der offene Dialog über die Verantwortbarkeit der Kernenergienutzung.

Bis heute ist die Entsorgungsfrage nicht gelöst. Selbst nach 40 Jahren Kernenergienutzung gibt es kein ausreichendes Wissen darüber, ob und wie die Umwelt auf Jahrzehntausende vor den schädlichen Auswirkungen geschützt werden kann. Es gibt weltweit keinen Konsens über die Endlagerung atomarer Abfälle in Salzstöcken. Gorleben muss so lange als Standort für ein Zwischenlager und eine Konditionierungsanlage als ungeeignet gelten, bis die Eignung seines Salzstockes als Endlager zweifelsfrei feststeht.

Weil die Folgen der Nutzung der Kernenergie unabsehbar und bis heute unbeherrschbar sind, darf sie nicht Grundlage für die künftige Energiepolitik sein. Ähnliches gilt für die Nutzung fossiler Brennstoffe wegen ihrer Folgen für die Atmosphäre (CO2). Wir brauchen auf Dauer andere Energiequellen und eine rationelle Energienutzung.

3. Die Landessynode fordert deshalb alle Verantwortlichen zum Innehalten auf, um den bisherigen Weg zu überdenken. Ziel muss eine breite gesellschaftliche Übereinstimmung über eine neue Energiepolitik sein. Umweltschonende Energieformen sind stärker als bisher zu fördern.

Es bedarf verbindlicher politischer Absprachen zum Ausstieg aus der Kernenergienutzung und entsprechender rechtlicher Rahmenbedingungen. Dabei sind die Rechte der Betreiber bei vorzeitiger Stillegung zu berücksichtigen. Nötig ist auch ein Lastenausgleich für die Regionen, die durch Zwischen- und Endlager belastet werden.

Die Landessynode fordert das Aussetzen aller Transporte hochradioaktiver Abfälle nach Gorleben, bis die Entsorgungsfrage gelöst ist. Diese Aufgabe darf weder auf nachfolgende Generationen noch auf andere Länder verlagert werden.

Die Landessynode erinnert an die Agenda 21, also an die Maßstäbe einer nachhaltig umweltgerechten Entwicklung. Gefahren und unvertretbare Risiken für Mensch und Umwelt sind danach zu vermeiden.

Die Landessynode bittet das Landeskirchenamt, die Kirchenkreise und Kirchengemeinden sowie die Werke und Einrichtungen der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, verbindlich zur aktiven Energieeinsparung zu verpflichten.

Hannover, den 26.11.1997