Verantwortlich wählen

Die evangelische Kirche hat mit der Denkschrift „Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe“ vor 20 Jahren ihren Respekt denjenigen ausgesprochen, die in den Parlamenten und Räten stellvertretend Verantwortung auf Zeit übernehmen. Nachdrücklich weist sie darauf hin, daß die Bürgerinnen und Bürger sich nicht ihrer eigenen Verantwortung entledigen können, indem sie auf die von ihnen Gewählten verweisen. Im Wendland wird diese eigene Verantwortung sicherlich deutlicher wahrgenommen als in anderen Regionen Deutschlands.

An Wahl - Sonntagen kehrt sich die übliche Verantwortlichkeit um. Die Wahlberechtigten müssen sich bewußt entscheiden. Sie tragen Verantwortung für die nächste Legislaturperiode. Aus der Beobachterposition, in der man wahrnehmen kann, was die jeweiligen Kandidaten ausmacht, kommt man in die Pflicht zur eigenen Entscheidung.

Wir legen sehr hohe Maßstäbe an die Verantwortlichen in der Politik. Da nun die Wählerinnen und Wähler verantwortlich sind, gilt uns allen dieser hohe Maßstab. Wie können wir dieser Verantwortung gerecht werden? Es wird nicht ausreichen, sich auf Gewohnheiten zu berufen. Es wird nicht ausreichen, aus persönlicher Enttäuschung heraus mit dem Wahlzettel einen „Denkzettel“ zu verteilen. Die Entscheidung im evangelischen Sinne wird nicht den persönlichen Vorteil in den Vordergrund stellen, sondern die langfristigen Folgen für die Schwächsten mit bedenken. Die Kinder, die Pflegebedürftigen und andere Gruppen sind mit in den Blick zu nehmen. Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung sind Leitbegriffe für die abgewogene Wahlentscheidung.

Ich erinnere mich, wie ich nach der Volljährigkeit zum ersten Mal gewählt habe. Durch den Gemeinschaftskunde – Unterricht war ich sachkundig vorbereitet. Als ich den großen Stimmzettel gefaltet in die Wahlurne gab hatte ich ein widersprüchliches Gefühl. Einerseits kam mir diese Entscheidung sehr wichtig vor. Andererseits kam es mir sehr bedeutungslos vor, denn Millionen anderer Menschen taten genau das Gleiche. Was zählt da schon eine einzelne Stimme? Später kamen Enttäuschungen hinzu, weil die von mir Gewählten nicht das umsetzten, was sie vor der Wahl versprochen hatten. Heute weiß ich, wie schwer es ist, in komplexen Fragen eindeutige Entscheidungen umzusetzen.

„Es gibt Schwächen und Mängel in unserem Staat. Den Verfassungsnormen zum Trotz haben sich Mißstände verfestigt. Für Christen stellt sich damit die Aufgabe, dabei mitzuwirken, daß die Demokratie mit Leben erfüllt und so weiterentwickelt wird, daß sie neuen und neuartigen Fragen und Herausforderungen besser gerecht wird.“ So heißt es in der Denkschrift. Der konkrete erste Schritt auf diesem Weg ist es, trotz mancher Bedenken am Sonntag nach dem Gottesdienst zur Wahl zu gehen.