Vorlesemarathon

Zwölf hörten um Mitternacht noch zu

Ein Bericht von Christiane Beyer in der Elbe - Jeetzel - Zeitung am 6. 2. 2006

by Gartow. Insgesamt 15 Stunden Vorlesenmarathon in Gartow, das war ein literarischer Dauerlauf mit Höhen und Tiefen. Eines der Täler galt es zum Beispiel am frühen Abend zu überwinden, als die Zahl der Zuhörer im »Forum» an der Kirche sehr überschaubar geworden war.

“Ich liebe Dich». Der Abschnitt, in der eine Frau um ihren verstorbenen Mann trauert, hatte sie berührt, »weil die Frau Mut schöpft und ein neues Leben beginnt». Doch ehe der Frust der Veranstalter um Jan Hild und Eckhard Kruse einer war deutlich gefrustet und fürchtete, dass es in kleinster Runde ein sehr langer Abend werden könnte. Die beiden Schülerinnen Sabrina Normann und Vanessa Wissen empfanden dagegen den Publikumsmangel eher als angenehm - und lasen mit Schwung. Denn es sei etwas anderes, vor fremden Leuten als vor der eigenen Klasse vorzulesen.

Helga Rodschin liest aus “Harry Potter” op platt.

Als sie im »Forum» an der Reihe waren, fehlten die Fremden, aber auch die Gleichaltrigen. Dass letztere nicht gekommen waren, verwunderte die beiden nicht, es sei schließlich Freitagabend und Partyzeit. Die Idee eines Vorlesemarathons fanden die beiden gut, weil man, so Vanessa, »Bücher von anderen kennen lernt». Sabrina hatte ihr Vorlese-Buch in letzter Minute ausgetauscht und las eine Szene aus Celia Aherns Bestseller »P.S. aus dem Ortspräventionsrat mangels Publikum anwachsen konnte, füllte sich der Saal im Forum wunderbarerweise am späteren Abend wieder. Dass der angekündigte Cartoonist Wolf-Rüdiger Marunde wegen Krankheit und deshalb mangels Stimme kurzfristig abgesagt hatte, enttäuschte nur kurz, die Zuhörenden amüsierten sich bei Harry Potter auf Platt, Kurt Tucholsky oder auch Edgar Allen Poe. Und als die Kirchturmuhr 12 Uhr schlug, da waren noch genau zwölf Zuhörende im Saal und die Stimmung wieder sehr viel besser, berichtet Eckhard Kruse.

Dass sich die Zuhörerinnen und Zuhörer gezielt aus dem Vorlesemarathon-Angebot ausgewählt hatten, was und auch wen sie hören wollten, das hatten Hild und Kruse zusammen mit ihrer Mitorganisatorin Elke Steiling bereits am Nachmittag gemerkt. Die Vorlese-Etappen am Vormittag waren überwiegend von Schulklassen besucht worden. Am Nachmittag hatten dann auch Kinder und Jugendliche auf dem Vorlese-Stuhl Platz genommen und begeisterten mit ihrer Souveränität und guten Vorlese-Leistungen, »und du hast gemerkt, was ein Buch für Aktivitäten in den Herzen und Köpfen ausrichten kann», beschreibt Susanne von Imhoff die Stimmung, die sie als Zuhörende erlebte. Wenig später war sie als Lesende an der Reihe und freute sich, wie ihre Geschichte eines Mädchens im alten China das Publikum gespannt zuhören ließ. Bücher, sagt sie, sind eine »unglaubliche Möglichkeit, die eigene Welt zu erweitern». Und Eckhard Kruse stellte eine wunderbare Verwandlung bei manchen Vorlesenden fest: Manche wurden wieder Kinder, »denn wann liest du heute noch die Bücher, die du als Kind gern gelesen hast - nur bei solchen Vorleseveranstaltungen». Er selbst hatte dafür Astrid Lindgrens »Kalle Blomquist» wieder hervor geholt.

Aus den Erfahrungen, die die Veranstalter aus diesem Vorlesemarathon gemacht haben, wollen sie lernen und bei einer Neuauflage einiges anders organisieren. Dazu gehört, den zuhörenden Schulklassen auch eine ihrem Alter gemäße Geschichte vorzulesen. Diesmal hatten etwa Zweitklässler Texte zu hören bekommen, die eher für ältere Schülerinnen und Schüler geeignet waren. Aber dass es eine Fortsetzung geben wird, ist für Kruse angesichts der begeisterten Zuhörenden und Vorlesenden klar: Der Vorlesemarathon “schreit nach einer Wiederholung”.